Haben Sie schon einmal einen Ton «beobachtet»? Die Frage mag seltsam wirken, ich gebe es zu, aber wenn wir einen Ton – oder genauer gesagt sein Spektrum – «beobachten», sehen wir ihn wie ein zusammengestauchtes Kardiogramm. Ein Signal. Mit einem mittleren Pegel, mit Höhen und Tiefen.

Behalten wir dieses Spektrum mit seinen schwankenden Amplituden im Hinterkopf. Sollte unglücklicherweise eine davon einen kritischen Schwellenwert überschreiten, wären Sie vollständig taub.
Sie können widerstandsfähig, resilient sein … aber es gibt Grenzen, die sich nicht ungestraft überschreiten lassen.
Welche Resilienz?
Resilienz ist gemäss Larousse die Fähigkeit, Schocks, Traumata, äusseren Störungen oder einem Bruch zu widerstehen. Kurz gesagt: die Fähigkeit, sich zu biegen, ohne zu brechen.
Doch wie misst man sie? An der Grenze natürlich! Die Europäische Union betrachtet, dass eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer täglich keinem Lärm über 85 dB ausgesetzt sein darf. Das ist die Grenze, die nicht überschritten werden darf. Sie ist gewissermassen das Mass unserer Resilienz: darüber hinaus wird unser Hörsystem geschädigt.
Um Resilienz zu messen, braucht es eine Grenze … und ein Phänomen! Sie und ich sind in puncto Lärm bis zu 85 dB pro Tag resilient. Oder bis zu einer Körpertemperatur von 41 °C … Danach ist Schluss!
Kleine Lücken überall …
Aber: Resilienz ist ein Konzept, dem wir überall und in allen Bereichen begegnen!
Nehmen wir das Beispiel der Schweiz und ihres bemerkenswerten Schienennetzes. Jede und jeder Reisende wird zustimmen: Der Service ist gewährleistet. Hohe Geschwindigkeiten beeinträchtigen die Pünktlichkeit nicht, und das Netz transportiert Menschen (fast) zu jeder Tages- und Nachtzeit von einem Ende des Landes zum anderen.
Unser Schock? Ein liegengebliebener Zug. Eine Durchsage hier, eine Meldung dort. Reisende wechseln den Zug, um möglichst rasch ihr Ziel zu erreichen. Rund 92% der Passagiere kommen mit weniger als drei Minuten Verspätung an, und nur eine kleine Anzahl Pechvögel verpasst den Anschluss. Ein schönes Beispiel für Resilienz: Trotz Risiken behält das Netz seine Hauptfunktion bei.
Doch sollte man dort aufhören? Wer am 10. November 2021 in der Schweiz lebte, kennt das charmante Dorf Tolochenaz. An diesem Tag entstand mitten in einem der meistbefahrenen Streckenabschnitte des Landes – ohne Ausweichroute – nach Bauarbeiten ein Loch zwischen den Gleisen. Die Strecke wurde nahezu vollständig unterbrochen, der gesamte nationale Verkehr beeinträchtigt. Ergänzt um den Mangel an Lokführerinnen und Lokführern gerät das Netz ins Wanken und kann seine Reisenden nur mit Mühe befördern. Der Schock ist zu gross, die Resilienz zu gering. Soll man dieses System nun anprangern, weil es bei der Kombination dieser Ereignisse nicht resilient ist?
Die Kunst der Grenze
Man muss zugeben: Jedes System hat seine Grenzen. Das SBB-Netz passt sich gut an Zugausfälle an, weniger gut an Lücken im Streckennetz. Das Internet ist sehr widerstandsfähig gegen zufällige Ausfälle, aber kaum gegen gezielte Angriffe. OVHcloud garantiert eine Verfügbarkeit von bis zu 99,99%, übersteht jedoch keinen Brand.
Es ist kein Zufall, dass die letzten drei Beispiele hochtechnologisch sind: Die jüngsten Jahrzehnte haben den Aufstieg riesiger Netzwerke mit faszinierenden Eigenschaften gebracht – «skalenfreie» Netzwerke (siehe Diagramm unten), die aus wenigen «Hubs» (hochvernetzten Elementen wie Hauptbahnhöfen oder grossen Internet-Routern) und vielen schwach verbundenen Knoten (kleine Stationen oder PCs) bestehen.

Diese Netzwerke, die sich überall finden, sind äusserst widerstandsfähig gegen zufällige Ereignisse: Auch nach einem verheerenden Sturm bleibt der Zugang zu Informationen oft möglich. So bemerken wir kaum, wie viele Server täglich ausfallen, während so viele andere rund um die Uhr für unser tägliches Leben essenzielle Dienste sicherstellen.
Machen uns diese skalenfreien Netzwerke (Schiene, Luft, Internet, Post, Web usw.) jedoch unverwundbar? Leider nicht! Das ist die Kehrseite der Medaille: Sie weisen eine besondere Anfälligkeit für gezielte Angriffe auf eben diese Hubs auf. Resilienz ist also die subtile Kunst, die Grenze hinauszuschieben … und vor allem zu akzeptieren!
Eiche oder Schilfrohr?
Tatsächlich begleitet uns der Begriff der Resilienz seit Langem (oder vielleicht sind wir es, die ihm folgen).
Bereits 1668 erteilte uns La Fontaine in seiner berühmten Fabel Die Eiche und das Schilfrohr eine schöne Lektion über Resilienz. Darin verspottet eine Eiche das Schilfrohr, weil es sich beim kleinsten Windstoss biegt. Unser tapferer und mächtiger Geselle wird am Ende von einem furchtbaren Nordwind entwurzelt.
Moral der Geschichte? Ein System, so robust es auch sein mag, hat seine Schwachstellen und kann angesichts eines Schocks versagen.
Und wozu das alles?
Es scheint offensichtlich, dass jedes System fehlbar und – ungeachtet seiner Resilienz – einem endgültigen Bruch ausgesetzt ist. Ob Ökosysteme, menschliche Gesellschaften oder technologische Konstruktionen: Nichts entzieht sich dieser Regel.
Warum also nicht beginnen, unsere Systeme anders zu denken und zu gestalten? Die Wissenschaft ist sich einig: Unsere Umwelt verändert sich – und das schnell, zu schnell. Je resilienter wir sind, desto grösser unsere Chance, dem nächsten Schock standzuhalten.
Denn am Ende ist bei einer Krise, einem Ausfall, einem Schock selten nur ein einzelnes System betroffen: Die Gewinner sind die Resilientesten … sofern wir, natürlich, unsere Achillesferse im Auge behalten!